Gretchen

Obentrautstraße 19-21, 10963, Berlin, Deutschland

Sat, 22 Apr 2017
Show starts: 19:30

Gonjasufi

Zu Beginn von "Callus" steht man vor einer vertonten Fratze: Zunächst ist allein das Schlagzeug zu hören – gedrosselte Synkopen und gewehrschussartiges Echo: etwas Bedrohliches liegt in der Luft, bahnt sich an. Das vielstimmige Durcheinander einer Masse und oszillierende Electro-Sounds gleiten unter diesem Beat hindurch, sorgen für Dissonanz, einen Anflug von Beklommenheit. Dann jault die Rückkopplung einer Gitarre auf, knurrt verzerrt drauf los, und man erkennt die Zähne dieser Fratze, die ihr Maul auftut, um ein extrem bedeutsames Statement zu machen. Und dann ist sie da: Die Stimme von GONJASUFI, seines Zeichens Sänger, Produzent, modern-existentialistischer Weiser, und sie kommt aus der Magengrube, klingt eher wie ein letztes Aufbäumen, ein letzter Wille: „Is anybody private?“, brüllt er, wobei die hohe Stimmlage verrät, dass er verzweifelt um Atem ringt. „Is anything sacred?“ Das ist die fragende Miene, mit der uns "Callus" anschaut, GONJASUFIs drittes Album für "Warp Records" und ganz klar das anspruchsvollste, sperrigste und krudeste seiner bisherigen Karriere. Bisher war es so, dass die Musik von GONJASUFI stellenweise noch so wild und dissonant werden konnte, sie kam trotzdem nie aus dem Fluss, driftete doch einfach weiter, als ob jener höhere Zustand, den er mit seinen Yoga-Übungen erreicht, auch hier insgeheim am Werk wäre, sie gewissermaßen in der Spur halten würde. Mit diesen neuen 19 Tracks jedoch, aufgenommen im Verlauf der letzten fünf Jahre in drei verschiedenen Studios in zwei US-Staaten, entblößt GONJASUFI sämtliche Narben seines bisherigen Lebens: Er durchbohrt die verhärtete Kruste, die Schwielen und Hornhautschichten, die dem Album seinen Titel geben, um bis zu den Nervenbahnen vorzudringen und seine persönliche Realität freizulegen. Wirkten die frühen Aufnahmen dieses Mannes noch wie der Versuch, etwas zu überwinden, unterstreichen die düsteren Streicherflächen von „Poltergeist“, gepaart mit durch den digitalen Fleischwolf gedrehten Vocals, oder auch das überwältigende Riff, die erdrückenden Rhythmen von „The Kill“, dass er sich nun ganz direkt diesen Themen stellt – ohne Furcht, ohne zu zögern. Das hier ist das andere Gesicht des Gonjasufi: Ein Mann, der bereit ist, für seine Überzeugungen zu kämpfen. Spricht er über "Callus", den Titel des neuen Albums, so erfährt man, wie viel GONJASUFI in den letzten Jahren aushalten und über sich ergehen lassen musste – unterwegs auf diesem schmalen Grat zwischen Erfolg als Künstler einerseits, persönlicher Privatsphäre andererseits, zwischen Image und Realität, Erwartungen der Musikindustrie und eigenem Wohlbefinden, zwischen alten Freunden und neuen Neidern. „Und genau das ist diese Hornhaut“, so der Sänger. „Wie könnte man da auch keine Schmerzen empfinden? Und es geht wirklich nicht darum, das zu überwinden. Sondern es geht darum, da hineinzuwachsen.“ Offensichtlich hat er gelernt, derartige Rechnungen zu begleichen, auch mal zurückzuschlagen: Auf „Maniac Depressant“ teilt er aus wie ein Industrial-Krieger, wenn seine Schreie von einer knorrigen Gitarre abprallen. Über dem massiven, alles plattmachenden Beat von „The Conspiracy“, geht er gegen die Selbstgefälligkeit an, die akzeptierten Weltanschauungen anhaftet, und attackiert andere Kämpfer, andere Dämonen. „Get your devil off of me“, singt er in einem überraschend klaren, tief im Soul verwurzelten Moment. Manche der Hooks, die man hier zu hören kriegt – z.B. auf „Ole Man Sufferah“ oder dem pulsierenden „Vinaigrette“ – sind unglaublich eingängig, unglaublich groß: Aber es sind Siege, für die er hart hat kämpfen müssen. „Ich habe mich durch diesen ganzen Schichten vorgearbeitet, sie abgeschält, um zum Kern vorzudringen“, erläutert GONJASUFI. „Die ganzen Missverständnisse, das ganze Elend und die ganzen Qualen – denn das ist es: eine Qual – habe ich als Inspirationsquellen genutzt und in diese Tracks eingebracht. Es ist die qualvollste Erfahrung überhaupt.“ Diesen Schmerz in Form von Songs zu verhandeln, hat viel Zeit in Anspruch genommen, was auch daran lag, dass neue Fähigkeiten dafür nötig waren. Er gibt ganz offen zu, dass er in den vier Jahren, die seit "MU.ZZ.LE" (2012) vergangen sind, viel dafür getan hat, ein besserer Musiker zu werden: mehr von Tonleitern und Akkorden zu verstehen, mehr von den ganzen Mechanismen, die sich im Inneren der Musik auftun. Eine wichtige Rolle spielte dabei Pearl Thompson, der Gitarrist von "The Cure", der auf drei der neuen Stücke zu hören ist und GONJASUFI durch die enge Zusammenarbeit auf ganz neue Ideen und Ansätze brachte. Früher erinnerten seine Alben an wilde Klangkosmen, an Sound-Welten, deren Ideen und Instrumente aus allen Ecken des Erdballs stammten. Dieses Mal jedoch sind die Konturen klarer: Er meißelt alle Elemente – ein Brummen des Synthesizers, ein Sitar-Riff, eine Wand aus Rauschen und Industrial-Beats – deutlicher heraus und verbindet sie zu einer Reise mit klarer Richtung. „Ja, allein zu wissen, in welcher Tonart ein Stück gespielt wird: Vollkommen neue Welten haben sich mir dadurch aufgetan“, berichtet er. „Es war genau das, wonach ich schon immer gesucht hatte.“ Viele der neuen Songs begann GONJASUFI in Las Vegas, um danach in Atwater Village in Los Angeles weiter zu arbeiten und sie schließlich mitzunehmen ins Exil: In die Mojave-Wüste, wo er sie in einer Kleinstadt noch einmal komplett über- und umarbeitete. Dort fand er schließlich den nötigen Freiraum, um sich, bewaffnet mit neuen Fertigkeiten, den persönlichen Herausforderungen zu stellen. Die Mühen, die dieser Prozess mit sich brachte, entsprechen den Mühen und dem Kampf, um den sich "Callus" letztlich dreht: Aus jeder Pore des neuen Albums blutet dieser Sound – genauso wie der Mensch dahinter dafür Blut gelassen hat. Hier wird das ganze Drama des menschlichen Daseins zu einer Waffe, die GONJASUFI schwingt, um sich selbst zu befreien. „Es muss einfach unverstellt und authentisch sein. Scheiß auf Filter. Einfach das Mikrofon direkt auf Band aufnehmen, fertig“, sagt GONJASUFI abschließend. „Es geht hier um Liebe. Der ganze Schmerz, die ganzen Missverständnisse sind immer noch da, aber ich bin hier, um das alles in mich aufzusaugen und etwas zu schaffen, das anderen hilft, da durchzukommen. Und keiner kann das aufhalten.“
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